German Blog Posts

Deutschland im digitalen Zangengriff? (03-11-2017)

Deutschlands Wirtschaft brummt. Auftragsbücher sind voll, Exporte sind auf Rekordhoch, die Kassen klingeln. Diesen wirtschaftlichen Erfolg darf man nicht aufs Spiel setzen, so Kanzleramtsminister Peter Altmaier. Recht hat er, wer will das schon. Aber Erfolg kann blenden. Diese Momentaufnahme verdeckt die grundliegenden, dynamischen Entwicklungen in der Weltwirtschaft.

Von der Digitalisierung und Elektromobilität bis zu Green Finance – Deutschland hat zahlreiche Zukunftsfelder verschlafen. Auf Dauer geht das nicht gut. Lang aufgestaute tektonische Spannungen entladen sich irgendwann in grollenden Beben. Deutschland muss jetzt die Kurve kriegen. Die wirtschaftlichen Machtverhältnisse in der Welt sind im Fluss.

Dabei richten wir den Blick immer wieder gegen Westen. Ja, die Amis haben mit GAFA (Google, Apple, Facebook, Amazon) die erste Runde der Digitalisierung gegen uns gewonnen. Gegen ihre Plattform-Monopolisten hat man wenig Chancen. Regelmäßig setzen wir uns mit ihnen auseinander und wollen dafür sorgen, dass wir die zweite Runde der Digitalisierung – die Verschmelzung zwischen Internet und Industrie bzw. Industrie 4.0 – gewinnen. Denn da liegen unsere Stärken. Schließlich haben wir eine starke Industrie und bauen die Dinge, die man fürs „Internet der Dinge“ braucht!

Während wir alle aber zum Silicon Valley starren, läutet Peking gerade das nächste wirtschaftliche Zeitalter ein. Deutschland steckt im Zangengriff. Bei der Digitalisierung ist der Markt längst ein Spiel der Globalmächte USA und China. Und China baut, als Werkstatt der Welt, auch nicht nur die Dinge, sondern hat auch die Digitalgiganten.

Die USA haben GAFA, die Chinesen BAT (Baidu, Alibaba Tencent). Alibaba alleine ist längst mehr wert als Ebay und Amazon zusammen.  Und die Chinesen geben Gas.

Sie expandieren: Didi Chuxing – Chinas Antwort auf Uber – hat strategische Partnerschaften mit ride-sharing Plattformen in Europa, Afrika, Indien und Brasilien und macht Uber im globalen Markt Konkurrenz. WeChat – ein mobile-payment-service und Chat-Dienst – kommt in Europa an. In den letzten 2 Jahren haben Chinas BAT mehr Firmen aufgekauft und Deals geschlossen als die Top-3 US Digitalkonzerne.

Und sie investieren: China und seine Unternehmen haben im vergangenen Jahr wohl mehr Geld in die Künstliche Intelligenz gesteckt als die USA. Das Reich der Mitte hat einen Anteil von 20% der gesamten globalen Forschungsausgaben. 2014 gab China genau soviel für Forschung und Entwicklung aus wie die EU. Seitdem ist China an uns vorbei gezogen. Und die Expertise, die China nicht hat, die kauft man sich einfach (siehe Robotik & Kuka), oder holt man sich mit anderen Mitteln (im September hat die Deutsche Telekom 30.000 Cyberangriffe aus China auf deutsche KMU registriert).

Das Geld fließt wie verrückt. China ist ein boomender venture capital Markt. Startups wachsen entsprechend wie Pilze aus dem Boden. Ein-Drittel der globalen Einhörner (ein Startup mit einer Marktbewertung von über einer Milliarden USD) sind in China (89 unicorns). Gerade in der Automobilbranche tummeln sich viele neue chinesische Unternehmen, von Faraday Future und Lucid Motors Air zu LeEco und Future Mobility Corps.

Zahlreiche Akteure (Economist, Bruegel, etc.)  haben vor kurzem auf die krasse wirtschaftliche Entwicklung Chinas hingewiesen. Wenn Deutschland nicht bei den Zukunftstrends Gas gibt, landet man dort bald im Rachen des Drachen.

Die alte Wirtschaftswelt trifft auf eine neue, digitalisierte Wirtschaftswelt. Und in der neuen spielt China vorne mit. Die nächste Bundesregierung muss die wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Erfolg in den Märkten von Morgen schaffen. Ja, Deutschland geht es gut und wir sind wirtschaftlich stark. Aber Erfolg ist kein Ruhekissen. Um mit einem Zitat von Andy Grove, Mitbegründer der Firma Intel, zu enden: „Erfolg führt zu Selbstzufriedenheit. Selbstzufriedenheit führt zum Scheitern. Nur die Paranoiden überleben.“